Politisches Framing - Wie Deutschland sich politische Wahrheiten einredet

Politisches Framing - Wie Deutschland sich politische Wahrheiten einredet

Podium der Veranstaltung am 2. März 2016 in der Heinrich-Böll-Stiftung. Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Politisches Framing ist ein wichtiges Instrument in der politischen Kommunikation. Doch wie können die Erkenntnisse der Wissenschaft in die politische Praxis umgesetzt werden? Darüber diskutierten am 2. März 2016 Elisabeth Wehling, Christiane Hoffmann, Michael Kellner, Matthias Machnig und Leonard Novy.

Unser kollektives Sprechen - gerade in der politischen Sphäre - ist selten wertfrei und neutral. Begriffe wie Flüchtlingsstrom, Mindestlohn, Klimawandel, Steueroase sind heimliche Herrscher über unser politisches Denken und Handeln, so die moderne Neuro- und Kognitionsforschung. Weil diese Worte in unseren Gehirnen sogenannte Frames (Deutungsrahmen) aktivieren, welche dann die aufgenommenen Informationen einordnen und bestimmen, welche Fakten wir als wichtig begreifen, welche sich uns besonders gut einprägen und welche wir gar nicht erst wahrnehmen. In ihrem Buch "Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht" beschreibt die Linguistin und Politikberaterin Elisabeth Wehling, wie sich Sprache auf unser Denken und Handeln auswirkt.

Wie können die Erkenntnisse der Wissenschaft in die politische Praxis umgesetzt werden? Ist „Politisches Framing“ esoterisch oder etwas für das Marketing von Politik? Diese Fragen diskutierten mit Elisabeth Wehling die SPIEGEL-Journalistin Christiane Hoffmann, Michael Kellner, der Politische Geschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen und Matthias Machnig, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium und 1998 verantwortlich für den Bundestagswahlkampf der SPD, sowie Leonard Novy vom Institut für Medien- und Kommunikationspolitik.

Warum dringen wir nicht durch mit unseren guten Argumenten und all den Fakten? Diese Frage haben sich schon viele politisch Aktive gestellt. Am Beispiel „Klimawandel“ macht Elisabeth Wehling ihren Framing-Ansatz deutlich: „Wandel“ deutet auf etwas sich sehr langsam Vollziehendes hin. Oder auf etwas Unaufhaltbares. Auf jeden Fall muss es sich ja nicht unbedingt zum Schlimmeren wandeln. Und getan werden kann ja wohl auch später noch etwas! Die Umweltpolitik könnte viel erfolgreicher sein mit einem anderen Deutungsrahmen, der die anliegenden Probleme besser sichtbar macht. Michael Kellner wies auf die Verwendung des Begriffes „Klimakrise“ in den Debatten rund um den Klimagipfel in Paris hin. Anders als beim „Wandel“ weist „Krise“ auf den bestehenden Handlungsdruck hin.

Politisches Framing ist demnach weder Esoterik noch Marketing, sondern ein wichtiges Instrument für die Analyse gerade politischer Kommunikation.

Doch wie gewinnen wir den Deutungskampf? Auf jeden Fall nicht durch die unkritische Verwendung der Begriffe des politischen Gegners in den Argumentationen oder deren reine Negierung, schlägt Elisabeth Wehling vor. Die Menschen nähmen die Begriffe in ihren Deutungsrahmen wahr und sehr viel weniger die gesamte Argumentation. Der Vorhaltung „Lügenpresse!“ ist nicht mit dem Ausruf „Wir sind keine Lügenpresse!“ zu begegnen. Sondern z.B. mit der Analyse, das „Lügenpresse“ einen Angriff auf die Funktion der Presse als vierte Gewalt im Staate darstellt. Keine leichte Aufgabe. Da haben es die Populisten einfacher.

 

Video-Mitschnitt der Veranstaltung

 

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