„Aber wir hatten einen Traum“
Gemeinsam mit dem Neuen Forum Schwerin präsentierten wir am 23. Oktober 2009 in der Schweriner Paulskirche das Buch „… aber wir hatten einen Traum. Das Neue Forum in Schwerin 1989 – 1994“.
Uta Rüchel und Maria Klähn: „… aber wir hatten einen Traum“ Das Neue Forum in Schwerin 1989 – 1994
Im September 1989 formulierten und unterzeichneten 30 Männer und Frauen, die nach einer Alternative zu den erstarrten Strukturen in der DDR suchten, in Grünheide den Gründungsaufruf des Neuen Forums. Geschaffen werden sollte so eine Plattform für öffentliche Auseinandersetzungen über Ziele und Strukturen der Gesellschaft. Eines der Gründungsmitglieder war der Schweriner Martin Klähn. Nach Schwerin zurückgekehrt, begann er sogleich gemeinsam mit einem vorläufigen Koordinierungskreis, um Unterstützung für das Neue Forum Schwerin zu werben, um auch hier eine solche Vereinigung gründen zu können. Der Zuspruch war überwältigend. Trotz der informellen Weitergabe der Informationen setzten alsbald Hunderte ihre Unterschrift auf eine der kursierenden Listen. Schließlich fand am 2. Oktober 1989 die DDR-weit erste Gründungsveranstaltung des Neuen Forums in der bis auf den letzten Platz gefüllten Schweriner Paulskirche statt – unter Beobachtung und massiven Störversuchen von SED und Staatssicherheit. Diese Veranstaltung war nicht nur für Schwerin, sondern für den gesamten Norden eine Initialzündung. Die Schweriner Aktiven, derer es täglich mehr gab, organisierten für den 23. Oktober eine Demonstration, an der – nicht zuletzt weil die SED zur gleichen Zeit am gleichen Ort eine Gegenkundgebung organisiert hatte - etwa 40.000 Menschen teilnahmen. Damit war der Bann gebrochen. Die Bürgerbewegung Neues Forum war aus Sicht des Staates zwar immer noch illegal, aber die Bürger bezeugten mit ihrem Zuspruch ihre Legitimation.
Die nächsten Wochen hatten die Schweriner Mitglieder des Neuen Forums allerhand Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen. Sie informierten die Bürger über ihre Anliegen, koordinierten Arbeitsgruppen, die sich mit verschiedenen Themen beschäftigten, organisierten weitere Demonstrationen, um den Staat zu einem Dialog auf Augenhöhe zu zwingen und bemühten sich zugleich darum, jegliche Eskalationen, zum Beispiel in Bezug auf Übergriffe auf die Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit, zu vermeiden. Angesichts der großen Heterogenität unter den Mitgliedern des Neuen Forums kam es auch zu ersten Auseinandersetzungen, die sich mit dem Fall der Mauer am 9. November verschärften. Die Auswirkungen des Mauerfalls, die Gestaltung des sich öffnenden politischen Raumes, die Haltung zur Machtfrage wie auch zur deutschen Einheit wurden kontrovers diskutiert, während gleichzeitig mit den alten Machthabern um eine Offenlegung von Strukturen und den gleichberechtigten Zugang von Bürgerbewegungen und neu entstandenen Parteien gerungen wurde. Das Neue Forum saß am Runden Tisch, engagierte sich bei der Auflösung der Staatssicherheit, stand als Ansprechpartner für die vielfältigsten Anliegen der Bürger zur Verfügung und musste zudem mit stetigem Mitgliederschwund und kontinuierlich abnehmendem Engagement der Übriggebliebenen zurecht kommen. Im Gegensatz zu dem enttäuschenden Ausgang der Volkskammerwahlen, bei denen das Neue Forum gemeinsam mit Demokratie Jetzt und der Initiative für Frieden und Menschenrechte nur knapp über zwei Prozent kam, konnte es bei den Kommunalwahlen in Schwerin immerhin zehn Prozent der Stimmen auf sich vereinigen. Damit begann eine neue Phase, in der sich das Neue Forum in erster Linie auf die Fraktionsarbeit in der Stadtverordnetenversammlung konzentrierte. Während der vierjährigen Legislaturperiode sammelten die Abgeordneten die verschiedensten Erfahrungen im politischen Tagesgeschäft einer repräsentativen Demokratie und vermochten es, einige politische Neuerungen für die Stadt Schwerin auf den Weg zu bringen. Als sie bei der Kommunalwahl 1994 unter fünf Prozent der Wählerstimmen erhielten, verabschiedeten sie sich – reichlich erschöpft, aber trotzdem positiv bilanzierend – aus der Lokalpolitik. Auch wenn es wie ein Scheitern klingt – dass es so nicht betrachtet werden muss, oder auch als Scheitern in Würde gelesen werden könnte, beweist das vorgelegte Zeugnis über die Geschichte des Neuen Forums in Schwerin, das neben Archivmaterialien auch eine Vielzahl von Zeitzeugen zu Wort kommen lässt.
Das Buch kann über die Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern, Jägerweg 2, 19053 Schwerin bezogen werden.
Kontakt: fon: 0385 – 30 20 910, email: poststelle(at)lpb.mv-regierung.de



