Tagung: Demokratie und Demokratieerziehung
Die Tagung fand am 29. März 2007 in der Universität Rostock statt.
Bereits im dritten Jahr in Folge organisieren wir zusammen mit dem Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften der Universität Rostock und mit Unterstützung der Landeszentrale für politische Bildung MV Tagungen zur aktuellen Situation des Rechtsextremismus in Mecklenburg-Vorpommern und zu Fragen der Stärkung der demokratischen Zivilgesellschaft.
Eine gesellschaftspolitische, demokratische Bildungsarbeit ist unsere zentrale Aufgabe als politische Stiftung. Vor diesem Hintergrund planten wir die Tagung ”Demokratie und Demokratieerziehung” zusammen mit Dr. Gudrun Heinrich vom Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften, die am 29. März 2007 in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Rostock stattfand.
Die Landeszentrale für politische Bildung MV konnte als Kooperationspartner gewonnen werden. Die Tagung wurde vom L.I.S.A. als Lehrerfortbildung anerkannt. Ziel der Tagung war es, Lehrerinnen, Lehrer und Multiplikatoren, in ihrer Aufgabe der Demokratieförderung im Unterricht und in der Bildungsarbeit zu stärken.
Nach einer Begrüßung durch Dr. Gudrun Heinrich und Susan Schulz referierte Dr. Bernhard Roy vom Magdeburger Institut für Politikwissenschaften die Definition des Begriffes Demokratie. Zunächst ging er auf die kennzeichnenden Elemente der Demokratie ein – Volkssouveränität, Repräsentation der Interessen, Sozialintegration, Grund- und Menschenrechte, Partizipation, Legitimation. Seine zentrale These: Demokratie kann nicht absolut, sondern muss innerhalb der Gesellschaft betrachtet werden.
Was muss gegeben sein, damit ein Mensch sein Grundanliegen, Freiheit und Gleichheit in Anspruch nehmen kann? Diese Fragestellung untermauert, dass ökonomische und soziale Dimensionen miteinbezogen werden müssen. Interessant bleibt seines Erachtens die Frage nach der Unterschiedlichkeit der Menschen. Während die einen ihre Interessen leichter durchsetzen können, sind andere hingegen weniger durchsetzungsfähig. Vor diesem Hintergrund interessiert vermehrt die Auseinandersetzung mit Lobbygruppen. Entscheidend sind für Roy jedoch die aktuellen Herausforderungen wie die soziale Polarisierung innerhalb der Gesellschaft, die Politikverdrossenheit, Europäische Integration und Globalisierung.
Prof. Dr. Peter Henkenborg schloss mit seinem Vortrag „Politische Bildung als Demokratieerziehung“ an. Als Didaktiker der politischen Bildung beschäftigt er sich seit Jahren mit dem Thema Demokratie-Lernen und der Frage, wie dieses Lernen in der politischen Bildung gelingen kann. Immer wieder werden Lehrende mit der Aussage konfrontiert, Demokratie sei für die Arbeitslosigkeit verantwortlich.
Anschaulich erläutert Henkenborg den Begriff Demokratie-Lernen, Inhalt und Wert der Demokratie müssen vermittelt werden.
Hierbei geht es immer um das Verhältnis von Demokratie und Politik, eines kann nicht ohne das andere betrachtet werden. Politischen Wissen ist wichtig für die Urteilsbildung. Ein professioneller Fachunterricht ist ebenso wichtig wie eine demokratische Schulkultur.
Um den Inhalt der Demokratie zu verstehen, müssen drei Dimensionen betrachtet werden:
- die vertikale Dimension (Verhältnis von Regierten und Regierenden, Volkssouveränität, Wahlen),
- die horizontale Dimension (Prinzipien des liberalen Verfassungs- und Rechtsstaates, allgemeine Menschen-rechte, politische Bürgerrechte) und
- die deliberative Dimension (die Prozesse der Meinungs- und Weiterbildung, Netzwerk von Diskursen der Zivil- und Bürgergesellschaft).
Seine wesentliche These beruht auf der Forderung, den Wert der Demokratie zu vermitteln: Lehrende müssen zur Loyalität zum politischen System erziehen, weil sie selbst vom Wert der Demokratie überzeugt sind. Das hier eine Schwierigkeit liegt ist Henkenborg bewusst. Er unterscheidet zwischen der generellen Zufriedenheit mit der Idee der Demokratie und der Unzufriedenheit mit der Praxis der Demokratie.
Henkenborg rät vor diesem Hintergrund, nicht auf Kritik an der Idee der Demokratie im Unterricht zu verzichten. Im Rahmen seiner eigenen Praxiserfahrungen in Sachsen analysiert er fünf Probleme:
- Das Gesellschaftsbild. Distanz zur Demokratie?,
- Fehlende Fachprofessionalität, fachfremder Unterricht,
- Fehlende Methodenprofessionalität,
- die Psychologie und
- das Unterrichtsverständnis – die Vermittlung von Fachwissen steht im Vordergrund.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist für ihn Demokratie-Lernen als Kultur der Anerkennung. Er unterscheidet drei Bereiche der Anerkennung: emotionale Zuwendung, welche das Vertrauensverhältnis zwischen Schülern und Lehrern beschreibt, die kognitive Achtung, die die Partizipation von Schülern und eine demokratische Kommunikation beinhaltet sowie als dritten Bereich die soziale Wertschätzung.
Mit drei Thesen bzw. Entwicklungsaufgaben des Politikunterrichts beendet Prof. Henkenborg seinen sehr anschaulichen Vortrag:
- Vom stofforientierten zum problemorientierten Politikunterricht
- Von der Vermittlungsperspektive zur Aneignungsperspektive im Politikunterrich
- Von der Belehrung zu einer Kultur der Differenzen im Politikunterricht
Markt der Möglichkeiten
Neben den Vorträgen bot die Tagung allen Interessierten die Chance, bereits bestehende Projekte der politischen Bildung und des Demokratielernens kennen zu lernen. Eigens dafür wurden ein "Markt der Möglichkeiten" angeboten, bei dem sich verschiedene Institutionen mit ihren Projekten vorstellten.
Zu den Institutionen gehörten das Deutsche Institut für Menschenrechte, die Berufsschule Bautechnik, Bunt statt Braun, das institut für neue medien Rostock, der Landesjugendring M-V, die Landeszentrale für politische Bildung M-V, das Mobile Beratungsteam Rostock, das Netzwerk für Demokratie und Courage und die RAA Servicestelle Demokratie lernen und leben.
Der Markt der Möglichkeiten bot einen guten Einstieg in den Vortrag von Frau Prof. Dr. Sibylle Reinhardt von der Universität Halle. "Kompetente Bürger in einer starken Demokratie: Kompetenzerziehung für die Demokratie" so der Titel ihres Beitrags.
Im Mittelpunkt stand die Bedeutung der Konfliktfähigkeit für demokratisches Agieren. Ihre Ausführungen fußten u.a. auf der Studie "Jugend und Demokratie in Sachsen-Anhalt", die von ihr miterstellt wurde. Ein Ergebnis dieser Untersuchung, in deren Rahmen 1.400 Schülerinnen und Schüler befragt wurden, ist die Erkenntnis, dass in einem großen Teil der Schülerschaft Konflikte als nicht legal und legitim akzeptiert, sondern als Zankerei und unproduktiver Streit eingeschätzt werden. Eine der Ursachen liegt für Frau Prof. Reinhardt in der falschen Übertragung der "Logik des privaten Lebens", innerhalb deren Konflikte, Streit und Auseinandersetzungen in hohem Maße negativ bewertet werden, auf das politische Teilsystem, welches gerade von einer inhaltlich kontroversen Auseinandersetzung lebt.
Die Vermittlung demokratischer Handlungskompetenz und vor allem der Fähigkeit mit Konflikten positiv umgehen zu können, ist eine zentrale Aufgabe der politischen Bildung. Einblicke in praktische Projekte und Materialien sollten auch die verschiedenen Workshops am Nachmittag geben. Insgesamt waren vier zunächst Workshops geplant:
- Demokratie – just do it,
- Menschenrechtserziehung,
- DDR-Aufarbeitung als Basis für starke Demokratie und der
- Modellversuch "Schulleben und Unterricht demokratisch gestalten (SUD)".
Jedoch wurden später der erste und zweite Workshop zusammengelegt. Nicht alle Workshopleiter waren mit dem Ergebnis ihrer Arbeitsgruppen zufrieden. Dennoch konnten Anregungen gegeben werden, wie man mit geeigneten didaktisch-methodischen Arrangements und auf kreativen Wegen Schülerinnen und Schüler erreichen und für Politik und Einmischung interessieren kann.
Podiumsdiskussion
Im abschließenden Podium "Demokratie in der Schule – ein Widerspruch in sich?" diskutierten Ewald Flacke, Referatsleiter im Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur M-V, Annett Lindner, Landesvorsitzende GEW M-V, Michael Steiger, Landesjugendring M-V, Nina Stange und Dejan Panow, Vorstandsmitglieder des Landesschülerrates M-V. Die Moderation übernahm Bernd Kahlau vom NDR Hörfunk.
Ewald Flacke definierte Demokratische Bildung als einen Prozess lebenslangen Lernens. Seiner Ansicht nach wird Demo-kratie in den Schulen des Landes gelernt und gelebt.
Nina Stange schränkte diese Aussage mit ihrem Statement ein: Die zahlreichen Möglichkeiten des Schulgesetzes zur Schaffung eines demokratischen Miteinanders aller an Schule Beteiligten werden noch immer nicht flächendeckend umgesetzt und genutzt.
Für Annett Lindner ist die partizipative Demokratie, also die Teilhabe am Lernen, am Geschehen in der Schule, am Zusammenwirken der Schüler und Eltern und Lehrer entscheidend.
Michael Steiger provozierte mit seiner Aussage, dass die Schule undemokratisch organisiert ist und wenn das so bleibt, so Steiger, kann sie keine demokratischen Bürger/innen hervorbringen. Ähnlich sieht dies auch Nina Stange, die einforderte, dass wenn Schule Demokratie will, Schüler auch die Eigenverantwortung erhalten müssen, den Entwicklungsprozess aktiv mitzugestalten. An ihrer Schule gelingt das und ist im Wesentlichen dem Agieren des Direktors geschuldet. Schüler müssen Mitgestaltungsrecht an der Evaluation des täglichen Unterrichts bekommen; dies ist die Ebene, auf der die Grundsteine einer demokratischen Gesellschaft gelegt werden.
Die Teilnehmenden der Tagung, die Multiplikatoren und wenige Lehrer, beteiligten sich mit eigenen Statements, Erfahrungen und Diskussionsanstößen. Generell ist der Abschluss der Tagung mit einer Podiumsdiskussion zu befürworten.
Während der Kaffeepause hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, den bisherigen Verlauf der Tagung, v.a. deren Inhalt zu bewerten. Die Erwartungen an die Tagung wurden bei den meisten erfüllt. Aussagen von Seiten der Teilnehmenden bestätigten, dass die Auseinandersetzung mit Fragen nach Demokratie und Demokratieerziehung äußerst wichtig ist und die Tagung einen guten Beitrag geleistet hat. Das Thema wird uns auch in den Folgejahren beschäftigen, so dass wir eher über eine andere Form der Einladung, bspw. über das L.I.S.A. nachdenken sollten, um möglichst viele Lehrerinnen und Lehrer zu erreichen.
Service:
Die Beiträge von Prof. Dr. Sibylle Reinhardt und Prof. Dr. Peter Henkenborg können hier als PDF heruntergeladen werden:
