Antisemitismus in der DDR - Vom Umgang mit Zeugnissen jüdischer Kultur
Vortrag und Gespräch mit Dr. Annette Leo, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin
"Bericht! Vor kurzer Zeit entdeckten wir in Lübben, Eschen-Allee Marmortafeln mit jüdischer Schrift als Straßenpflasterung.“ Diese Zeilen schrieb die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) am 2. März 1951 an die Jüdische Gemeinde in Berlin. Erkundigungen ergaben, dass an dieser Stelle bis 1936 ein jüdischer Friedhof war. Der Friedhof wurde eingeebnet und eine Straße darauf angelegt. Die Einfassungen der Grüfte dienten als Bordsteine und die Gedenksteine wurden zu Schotter zerschlagen und als Pflasterung verwandt, so dass man die Inschrift noch lesen konnte. Der Kreisverband Lübben bemerkte weiter:„Täglich laufen hunderte von Menschen (dar)über und keiner findet daran etwas auszusetzen. Uns Kameraden der VVN geht sowas an die Nieren und wir bitten Euch, doch jemanden zu uns zu schicken, damit wir mit Euch beraten können, was in dieser Angelegenheit zu tun ist."
Offiziell hat es in der Welt des «verordneten Antifaschismus» natürlich keine antisemitischen Tendenzen gegeben. Annette Leo, Mitarbeiterin am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, wird am Montag, den 15. März um 18 Uhr in der Aula des Gymnasiums Bad Doberan über das kontroverse Thema „Antisemitismus in der DDR“ sprechen. Wie ging man mit den Zeugnissen jüdischer Kultur um? Wie reagierten die Behörden beispielsweise auf geschändete Friedhöfe? Inwiefern kann man dieses Verhalten als antisemitisch bezeichnen?
Friedhöfe spielen im Judentum eine zentrale Rolle. Ein Grab besteht nach jüdischem Verständnis auf ewig und darf im Gegensatz zum christlichen Pendant niemals aufgegeben werden. Die jüdische Gemeinde wandte sich im Lübbener Fall zusammen mit der VVN an den Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg. Die Stadt geriet dadurch unter Druck und musste handeln. Dr. Leo erläutert: „Die Stadtvertreter beriefen sich darauf, dass sie erst 1951 davon in Kenntnis gesetzt wurden, dass der jüdische Friedhof zerstört und die Steine als Straßenpflaster verwendet wurden. Dabei konnte es doch, wie aus dem Brief hervorgeht, jeder sehen.“ Letztendlich wurde der Ort in eine Parkanlage mit einem Gedenkstein umgewandelt. Es sind keine Grabsteine oder Grabsteineinfassungen mehr vorhanden. „Dies ist ein Beispiel für das Umgehen der Behörden mit Zeugnissen jüdischer Kultur. Dieser Fall ist öffentlich geworden – eine große Anzahl fand jedoch niemals Eingang in die Akten,“ fasst Leo abschließend zusammen.
Eine Kooperationsveranstaltung von Heinrich-Böll-Stiftung MV, migra e.V., Landkreis Bad Doberan, Jüdische Gemeinde Rostock und Friderico-Francisceum Gymnasium. Die Veranstaltung ist Begleitveranstaltung der Gemeinschaftssausstellung: „Antisemitismus in der DDR“ vom 2. bis 18. März 2010 am Bad Doberaner Gymnasium.