Rostock-Lichtenhagen '92

Gedenken und Erinnern an die rassistischen Ausschreitungen in Rostock

Im August 2022 jähren sich die pogromartigen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen zum 30. Mal. Unter dem Beifall und der Beteiligung von Anwohner:innen wurde das Asylbewerberheim und die Unterkunft vietnamesischer Vertragsarbeiter:innen angegriffen. Die Bilder der brennenden Wohnungen in einem Haus, in dem bis zu 150 Menschen eingeschlossen waren, gingen um die Welt.
Das Pogrom ist seitdem Teil der Rostocker Stadtgeschichte. Dabei trägt die Stadtgesellschaft Verantwortung, Antworten auf die Frage zu finden, wie dieses Ereignis weiter aufgearbeitet und daran erinnert werden kann.
 
In unserem Dossier zeigen wir auf, dass die Aufarbeitung ein stetiger Prozess ist. Davon zeugen sowohl der Umgang mit den ab 2017 errichteten Gedenkstelen als auch die geplanten Veranstaltungen zivilgesellschaftlicher Institutionen, der Vereine, der Universität und der Stadt Rostock.

Der Politikwissenschaftler Thomas Prenzel blickt in seinem Text zurück auf die Ereignisse und ordnet diese als die massivsten in der Nachkriegsgeschichte ein. Mit der Leiterin der Arbeitsstelle Politische Bildung an der Universität Rostock Dr. Gudrun Heinrich sprachen wir über die Gedenk- und Erinnerungsarbeit in Rostock.
 
Von Mai-Phuong Kollath und anderen Zeitzeug:innen und Akteur:innen erfahren wir in kurzen Video-Statements, wie sie die Ausschreitungen 1992 erlebt haben und dadurch geprägt wurden. Dabei sprechen sie nicht nur über die damaligen Ereignisse, sondern auch über ihr Engagement in der heutigen Zeit.

 

Lichtenhagen bewegt

Durch die rassistischen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen im August 1992 wurde das Rostocker Sonnenblumenhaus bundesweit bekannt. Über Tage hinweg wurden mehrere Hundert Flüchtlinge und vietnamesische Vertragsarbeiter:innen Ziel rassistischer Ausschreitungen.  
Die Ereignisse von damals haben sich in das kollektive Gedächtnis eingegraben. In einer Zeit des Umbruchs legten sie tiefe gesellschaftliche Probleme offen, die zuvor nicht erkannt oder ignoriert wurden. Noch heute erzeugen die Bilder der Ausschreitungen, der Jubel der Schaulustigen und die Passivität der Anwohner:innen Schrecken und Gänsehaut.
Um die Erinnerung an die Ereignisse am Leben zu halten, hat die Heinrich-Böll-Stiftung MV im Jahr 2012 in Zusammenarbeit mit dem Verein Bunt statt braun und dem Filmemacher Christian Dzubiel einen Film produziert, in dem Zeitzeug:innen einen aufschlussreichen Einblick in die Hintergründe des damaligen Geschehens geben und durch ihre ganz persönlichen Schilderungen einen emotionalen Zugang schaffen.
Mit:

  • Dr. Wolfgang Richter, damaliger Ausländerbeauftragten der Hansestadt
  • Mai-Phuong Kollath, Mitarbeiterin beim deutsch-vietnamesischen Verein Diên Hông – Gemeinsam unter einem Dach e.V. 1994 – 2010
  • Thomas Laum, Leiter der Kriminalinspektion Rostock 1991 – 1997, bis 2018 Polizeipräsident des Präsidiums Rostock

Dr. Wolfgang Richter

Thomas Laum

Mai-Phuong Kollath

Filmgespräch "Wir sind jung. Wir sind stark."

Stimmensammlung Rostock-Lichtenhagen

Dr. Anne Kellner

Dr. Anne Kellner kam 1987 zum Studium aus ihrer Geburtsstadt Borna nach Rostock. Sie erlebte hier die Wendezeit. 1992 arbeitete sie im Café des Jugendalternativzentrums (JAZ) und hatte darüber Kontakt zu Aktivist:innen, die sich gegen die wachsende Fremdenfeindlichkeit in Rostock engagierten. Die Ereignisse 1992 haben sie stark geprägt. Sie betont, dass jede einzelne Person Verantwortung für die Gesellschaft und den gegenseitigen Umgang hat. Heute leitet Anne Kellner das Lichtspieltheater Wundervoll.

Mai-Phuong Kollath

Mai-Phuong Kollath (1963 in Hanoi, Vietnam geboren) kam 1981 als Vertragsarbeiterin in die DDR. In der Anfangszeit lebte sie im Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen. Staat und Polizei haben beim Pogrom versagt, verdeutlicht sie. Die Diplom-Pädagogin leitete anschließend 16 Jahre die Migrationsberatungsstelle in Rostock und gehörte dem Vorstand des deutsch-vietnamesischen Vereins Diên Hồng an. Die Ausschreitungen sind für sie kein Einzelfall von Rechtsextremismus und rassistischer Gewalt in Nachkriegsdeutschland, sondern ordnen sich in die lange Historie rechter Gewalttaten ein. Heute arbeitet sie als Coach, interkulturelle Beraterin sowie Paar- und Familientherapeutin in Berlin. 

Michael Hugo

Michael Hugo wurde1962 in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) geboren. Hugo engagierte sich bereits zu DDR-Zeiten in der unabhängigen Friedensbewegung sowie in der kirchlichen Ausländerarbeit. 1990 wurde er zum Ausländerbeauftragten der Stadt Weimar gewählt, zwei Jahre später zum Landessprecher von Thüringen. Die rassistischen Ausschreitungen 1992 prägten seine damalige Arbeit und die heutige als Geschäftsführer des Vereins migra. Dieser setzt sich für Integration, die Rechte von Migrant:innen und gegen Diskriminierung ein.

Johann-Georg Jaeger

Johann-Georg Jaeger (1965 in Ludwigslust geboren) gehörte 1989 zu den Mitbegründer:innen des Neuen Forum in Rostock. Für das Neue Forum meldete er die erste Demonstration nach den rassistischen Anschlägen an, die am 27. August 1992 als Schweigemarsch mit ca. 3000 Demonstrierenden in der Rostocker Innenstadt stattfand.  Auf den Plakaten stand „Zündet Kerzen und keine Häuser an“. Ihm ist wichtig, dass es einen Staat gibt, der alle Bürgerinnen und Bürger vor solchen Gewalttaten schützen kann. Heute ist Johann-Georg Jaeger Mitglied der bündnisgrünen Bürgerschaftsfraktion in Rostock und Projektentwickler im Bereich erneuerbare Energien.

Hartmut Gutsche

Hartmut Gutsche (1968 in Halle/Salle geboren) war 1991/92 Sprecher des Studentenrates, Mitglied des Konzils und studentischer Senator der Universität Rostock. Das Pogrom erlebte er aus der Distanz während eines Studienaufenthaltes im Ausland. Als unmittelbare Konsequenz aus dem beschämenden Geschehen engagiert er sich seitdem privat und beruflich für eine umfassende gesellschaftliche Integration von Zugewanderten in die deutsche Gesellschaft und gegen jegliche extremistische Gefährdungen der Demokratie. Hartmut Gutsche leitet seit 2008 das Regionalzentrum für demokratische Kultur Vorpommern-Rügen.

Oliver Pohl

Oliver Pohl (1970 in Jever geboren) war 1992 als  Beamter des Bundesgrenzschutzes im Einsatz in Rostock-Lichtenhagen. Drei Monate später erlebte er in seiner damaligen Heimatstadt Mölln den Brandanschlag, bei dem drei Menschen ums Leben kamen. Er begründete ein Theater für deutsche und türkische Kinder in Mölln mit. Beide rassistische Anschläge veränderten seinen Lebensweg: er besuchte die Abendschule, kündigte beim BGS und studierte an der Verwaltungsfachhochschule (FHVD) für den gehobenen Dienst der Kriminalpolizei. Nach jahrelanger Tätigkeit als Kriminalhauptkommissar und Pressesprecher ist Oliver Pohl heute Dozent an der FHVD Altenholz bei Kiel. Als Autor des Lesetheaterstücks „Das Sonnenblumenhaus“ für Grundschulkinder hat er eine Projektseite ins Leben gerufen: www.das-sonnenblumenhaus.de 

Marc Benedict

Marc Benedict (1994 in Rostock geboren) wuchs in Rostock-Lichtenhagen mit Blick auf das sog. Sonnenblumenhochhaus auf. Als Jugendlicher begann er sich mit den rassistischen Ausschreitungen auseinander zu setzen und befragte seine Familie und Eltern von Freunden zu den Anschlägen. Dabei stieß er sich schon früh an dem „Aber“, mit dem die Befragten die persönlichen Berichte zu den Ausschreitungen ergänzen. Dieses Wort könne den Rassismus und die Angriffe auf Menschen – sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart – nicht relativieren. Marc Benedict ist Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Juristischen Fakultät der Universität Rostock.

Anette Niemeyer

Anette Niemeyer ist 1980 nach Rostock gekommen. Im Jahr 1992 war sie als Diplom-Ingenieurin in einem Ingenieurbüro in Rostock tätig. Ebenso engagierte sie sich politisch im unabhängigen Frauen*kulturverein Die Beginen e.V. Bis heute beschäftigen sie die rassistischen Ausschreitungen und sind für sie Antrieb, gegen Rassismus in der Gesellschaft vorzugehen. Heute arbeitet sie bei der Bürgerinitiative Bunt statt Braun e.V. in Rostock. Außerdem ist Anette Niemeyer Mitglied der Rostocker Bürgerschaft für AUFBRUCH 09.

"Zur Zeit des Pogroms in Lichtenhagen war ich Rostocker, auch wenn ich an diesen verhängnisvollen Tagen nicht in der Stadt war. Bis heute beschäftigt mich dieser Angriff auf Schutzlose durch ihre und meine Nachbarn, durch angereiste und einheimische Neonazis und der Applaus der Umstehenden. Persönlich und literarisch. Ich bin immer noch fassungslos über das völlige Versagen der Landes- und Bundespolitik sowie der Polizei. Wenig später wurde das Asylrecht eingeschränkt, aber eben nie konsequent der Rechtsradikalismus bekämpft. Was also haben wir durch Lichtenhagen gelernt?"

- Gregor Sander

Interview mit Dr. Gudrun Heinrich

Die rassistischen Ausschreitungen von 1992 fordern die Rostocker und Rostockerinnen immer wieder auf, sich damit auseinanderzusetzen, so Dr. Gudrun Heinrich in unserem Interview. Lukas Beyer sprach mit der Rostocker Politikwissenschaftlerin über die Frage, wie die Ereignisse in die Erinnerungskultur der Stadt eingebettet werden. Als Mitglied der Arbeitsgruppe Gedenken der Hansestadt Rostock hat sie das städtische Konzept des dezentralen Gedenkens mit entwickelt. 

Film „Rostock-Lichtenhagen ´92 – Gedenken im öffentlichen Raum“

Zum 30. Jahrestag der rassistischen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen entstand ein Filmbeitrag über das Gedenken im öffentlichen Raum. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob und wie die Stelen im öffentlichen Raum wahrgenommen werden.  Seit 2017 erinnert das Denkmal der Künstlergruppe SCHAUM „Gestern Heute Morgen“ mit inzwischen sechs Stelen an verschiedenen historischen und symbolischen Orten an das Pogrom und verweist so auf die verschiedenen Verantwortlichkeiten.
Die Protagonist:innen im Film sind sich einig, dass die Stelen (nur) ein wichtiger Bestandteil für die  Gedenk- und Erinnerungsarbeit sind. Für die Auseinandersetzung mit den rassistischen Ausschreitungen eignen sie sich jedoch v.a. dann, wenn sie in Stadtführungen integriert werden. Im Film kommen zu Wort: Claudia Carla, Leiterin der Evangelischen Akademie der Nordkirche, Büro Rostock, Dr. Gudrun Heinrich, Leiterin der Arbeitsstelle politische Bildung an der Universität Rostock, Seymus Atay-Lichtermann, Vorsitzender des Migrantenrates Rostock, Sarah Linke vom Kulturamt und Lisa Radl, Stadtteilmanagerin Rostock-Lichtenhagen.

"Gestern Heute Morgen"

Zum 25. Jahrestag im Jahr 2017 entwickelte das Rostocker Künstlerkollektiv SCHAUM die Stelen zur Erinnerung an die rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen.

Stele: Politik

Das Werk verweist auf die Verantwortung kommunaler Politik und steht vor dem Rathaus. Die Gestaltung soll zu Trauer, Demut und Verneigung vor den Opfern einladen. (c) Lukas Beyer

Stele: Selbstjustiz

Vor dem sog. „Sonnenblumenhaus“ steht diese Stele in einer Gehwegplatte, die 1992 als Wurfgeschosse missbraucht wurden. Das eingelegte Bruchstück auf der Oberseite soll auf die Möglichkeit hinweisen, das eigene Verhältnis zu Gewalt zu reflektieren. (c) Erik Tesch

Stele: Medien

Diese Stele zeigt die Verantwortung der Medien für die Ereignisse und rassistische Denkmuster damals wie heute auf und befindet sich vor der Ostsee-Zeitung. Das Verschiebepuzzle ruft Betrachter:innen auf, bestimmte Sätze und ihre Bedeutung zu hinterfragen. (c) Lukas Beyer

Stele: Staatsgewalt

Die gesetzlichen Aufgaben der Polizei sind auf diesem Werk eingelassen. Es befindet sich vor der Polizeidirektion und weist auf das staatliche Versagen hin, die Gefahren und Straftaten 1992 abzuwehren. (c) Lukas Beyer

Stele: Empathie

Auf dem Doberaner Platz zeigt das jüngste Werk zwei Menschen, die einander umarmen. Die Umarmung soll zugleich eine Entschuldigung an den Opfern sein wie auch an ein positives Miteinander appellieren. (c) Lukas Beyer

Stele: Gesellschaft

Dieses Werk erinnert an die antifaschistischen Aktivist:innen, die sich gegen die fremdenfeindlichen Ausschreitungen gewehrt haben. Die Öffnung in der Stele stellt ein Vogelhaus dar und lädt ein, hinter den Disteln Sonnenblumenkerne abzulegen – in Anspielung an das sog. „Sonnenblumenhaus“. (c) Lukas Beyer